Der Alb-Linse auf der Spur

Noch im 19. Jahrhundert gediehen Linsen in Deutschland auf vielen Tausend Hektar Land, vor allem auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald. In den 50er-Jahren schlief das Interesse am Linsenanbau ein, andere Kulturpflanzen erschienen den Bauern wirtschaftlicher. Bald war kein Saatgut der in den 40er-Jahren eigens für die Schwäbische Alb gezüchteten Sorten – die Alb-Leisa 1 und 2 des Züchters Fritz Späth – mehr zu bekommen und drei Jahrzehnte lang schien sie auch niemand zu vermissen. Preiswerte Importlinsen aus wärmeren Ländern sorgten ja auch weiterhin dafür, dass Linsensuppe und Linsen mit Spätzle hierzulande auf den Tisch kamen.

Doch vor etwa 25 Jahren begann der Ökolandwirt Woldemar Mammel davon zu träumen, Linsen mit Spätzle wieder mit Linsen aus der Region zubereiten zu können. Heute baut eine Öko-Erzeugergemeinschaft – derzeit bestehend aus etwa 40 Höfen – die sogenannte "Alb-Leisa" an.

Einen Schönheitsfehler hat die Sache aber: Gezogen werden die Linsen von der Schwäbischen Alb aus Samen der köstlichen, kleinen Le-Puy-Linse aus Frankreich. Denn trotz intensiver Suche der Ökobauern fanden sich viele Jahre nirgendwo mehr Samen der ursprünglichen Alb-Linse – weder in alten Scheunen, in denen früher einmal Linsen gelagert worden waren, noch in staatlichen Samenarchiven oder Saatzuchtbetrieben. Doch Klaus Amler von der Stuttgarter Agentur Ökonsult gab nicht auf, er begann, weltweit in Archiven zu stöbern – und wurde in Russland fündig. In der Datenbank des Sankt Petersburger Vavilow-Instituts gab es einen Hinweis auf eine "Alpenlinse".

Unabhängig davon stieß ein anderer Pflanzendetektiv auf die gleiche Spur: Klaus Lang. 2006 berichtete er Woldemar Mammel, dass er zwei Tütchen mit Samen der Original-Alb-Linsen aus Russland zugeschickt bekommen habe.

Katalogeintrag Alblinse mit Saatgut

Bild: Öko-Erzeugergemeinschaft "Alb-Leisa"

Nach anfänglicher Skepsis Mammels bestätigte Klaus Amler den Fund – und Woldemar Mammel machte sich auf den Weg nach Sankt Petersburg. Die Wissenschaftler des Vavilow-Instituts sammeln und archivieren unter einfachsten finanziellen und räumlichen Bedingungen Kulturpflanzen aus aller Welt und ihre Wildformen. Etwa 340.000 Sorten lagern dort, darunter über 2.000 Linsen. Um die Keim-
fähigkeit der Samen zu erhalten, werden immer wieder kleine Mengen angebaut und neue Samen genommen.

Die geretteten Samen aus Russland verwendet die Öko-Erzeuger-
gemeinschaft zurzeit ausschließlich, um die Sorten zu vermehren. Doch wenn alles gut geht, werden in einigen Jahren die schwäbischen Linsen von Fritz Späth wieder zu kaufen sein.

Innig vereint

Linsenpflanzen sind auf Hilfe angewiesen. Alleine können sie nicht wachsen, wie Erbsen und Bohnen brauchen sie unbedingt eine Rankhilfe. Deshalb werden sie im professionellen Anbau zusammen mit Gerste oder Hafer ausgesät und später auch gemein-
sam geerntet. Die Trennung der Linsen von den Getreidekörnern erledigt eine Auslesemaschine, der sogenannte Trieur. Trotz
der aufwendigen Ernte sind Linsen ein relativ preiswertes Lebensmittel.

eine Handvoll Linsen und Haferkörner

Bild: Öko-Erzeugergemeinschaft "Alb-Leisa"

alte Zeichnung einer rankenden Linsenpflanze

Lens culinaris, in: Otto Wilhelm Thomé: Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Gera 1885

Linsen gehören zu den Hülsen-
früchten, genauer: zu den Schmetterlingsblütlern. Sie wachsen einjährig.

Linsen im Garten

Linsen im eigenen Garten anzubauen, ist ein spannendes Experiment, vor allem, wenn man in klimabegünstigten Gegenden wohnt. Mit allzu hohen Erträgen sollte man aber nicht rechnen. Bio-Saatgut kann man bei Dreschflegel bestellen – oder man versucht es einfach mit Berg- oder Tellerlinsen, die man ohnehin hat. Am besten vorher eine Keimprobe machen!

Ein karger, wasserdurch-
lässiger Boden ist für Linsen ideal. Ausgesät wird ab April, Linsen vertragen leichten Frost.

Die Pflanzen wachsen langsam und benötigen eine Rankhilfe, zum Beispiel Zweige oder Maschendraht. Gedüngt wer-
den muss nicht, im Gegenteil: Dünger unterstützt die Bildung von Blattmasse, und der Fruchtansatz fällt geringer aus. Wichtig ist, das Unkraut regelmäßig zu entfernen, damit es die zarten Linsenpflanzen nicht überwuchert.

Ernten kann man ab August, wenn die Schoten trocken und die Körner hart sind. Die Linsen müssen gedroschen und ausgesiebt werden – eine echte Mühsal, wie in diesem Video zu sehen ist.

Linsenanbau weltweit

Etwa die Hälfte der weltweiten Linsenproduktion wird in Indien geerntet, die Sortenvielfalt ist dort am größten. Die Farben-
vielfalt auch: Aus Indien kommen rote, gelbe, weiße und braune Linsen. Auch in Osteuropa, in Amerika, Kanada und Asien werden Linsen heute noch in größerem Umfang angebaut.

In Europa liegen die größten Anbaugebiete in Spanien, bei Linsenliebhabern besonders geschätzt wird aber die kleine umbrische Linse aus Italien. Im alten Ägypten und in Rom gehörten Linsen übrigens zu den Hauptnahrungsmitteln. Die ältesten Linsenfunde in Mitteleuropa stammen aus der Jungsteinzeit.

Linsensprossen selbst ziehen

Linsensprossen selbst zu ziehen, ist kein großer Aufwand. Einfach getrocknete Biolinsen etwa 12 Stunden in Wasser vorquellen lassen. Dann entweder in ein Keimgerät legen oder in ein selbstgebautes oder gekauftes Sprossenglas füllen. Zweimal täglich mit lauwarmem Wasser spülen. Das Glas anschließend schräg kopfunter stellen, damit das Wasser ablaufen kann und sich kein Schimmel bildet.

Die Linsen beginnen schon bald zu keimen und können nach einigen Tagen geerntet werden, wenn die Keime etwa einen Zentimeter lang sind. Wer hygienische Bedenken hat oder Zweifel, ob Linsen in dieser Form gut verdaulich sind, sollte die Keime vor dem Verzehr kurz blanchieren. Die Sprossen sind vor allem im rohen Zustand angenehm knackig, aber nicht hart, und schmecken nussig.

Gekeimte Linsensprossen im mit Gaze selbstgebauten Keimglas

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